Zum Filmdreh bei Deep Purple - Ein Sonntag mit Rocklegenden

Wir ließen uns an den Esstisch fallen und saßen einen Moment lang einfach nur da. Völlig ausgepumpt, doch gleichzeitig putzmunter. Den ganzen Tag hatten wir unter Dauerstrom gestanden. Jetzt, um drei Uhr nachts, war der Dreh endgültig vorüber - alles war geschafft. Seit 21 Stunden waren wir schon auf den Beinen und das nach einer 11-stündigen Anfahrt am Tag zuvor. Dennoch wollte keiner sofort ins Bett - zu aufgedreht waren wir noch immer, nach einer für uns atemberaubenden Produktion. Es gibt Momente, den wird man sich erst so richtig bewusst, wenn sie vorbei sind. Das hier, dieser Tag in Kärnten, das war so einer.


Eine gigantische Lichtshow: Kameraperspektive 1 unserer Aufnahme des Deep-Purple-Konzerts

Zu viert hatten wir uns am Samstagvormittag auf den Weg gemacht. Das Ziel: Der Auftakt der Deep-Purple-Tour im österreichischen Klagenfurt. Bereits im Juni hatte sich unser Regisseur Pirmin Styrnol in Kiew mit Lothar Strunk getroffen - seines Zeichens Tourmanager von Deep Purple - und mit ihm über die Möglichkeit gesprochen, für unseren Film mit ihm und der Band zu drehen. Das Wissen von echten Rocklegenden in unserer Doku “Heart and Soul”, einem Film über Erfolg im Musikbusiness und den Antrieb auf der Bühne zu stehen, das wäre doch wirklich die Krönung, fanden wir. Lothar fand das anscheinend auch, und so blieben wir in Kontakt.

Das Filmteam auf dem Weg durch die Alpen. Ziel: Das Deep-Purple-Konzert in Klagenfurt

Ein halbes Jahr später war es dann tatsächlich so weit. “Wir treffen uns um 06:50 Uhr vor dem Hotel in Klagenfurt”, hieß es. “Um acht fangen wir mit dem Aufbau in der Messehalle an, wenn ihr wollt könnt ihr da schon filmen. Ian Paice kommt gegen 12, ab 14 Uhr ist Soundcheck, das Konzert beginnt um kurz vor 21 Uhr.” Damit waren zwei Dinge schon mal klar - erstens: Es würde ein langer Tag werden. Zweitens: Eine Anreise am Drehtag kam nicht in Frage. Also reisten wir bereits am Samstag an. Was uns genau erwarten würde, das wussten wir nicht. So viele Eventualitäten, so viele Möglichkeiten. Tatsächlich lief aber alles glatt - sieht man von der heftigen Erkältung der Styrnol-Brüder ab, den ein paar Stunden Schlaf mehr sicherlich gut getan hätte. Aber sei’s drum, das war’s wert.



Von “Dopingmitteln” und Steckwänden


Mit Inhaliergerät und Taschen voller “Dopingmittel” im Gepäck waren wir jedenfalls pünktlich vor Ort und liefen staunend durch die Messehalle. Das einzige, das bereits aufgebaut war, waren die Bühnenelemente. Ansonsten: Nichts. Nur wir und rund 70 Roadies, die wartend in der Halle standen. Wir richteten uns derweil schon mal häuslich ein.

Unsere Unterkunft im Backstage-Bereich. Vier Wände und kein Dach - dafür aber direkt neben dem Management.

Netterweise hatte man uns in der angrenzenden Messehalle im Backstagebereich der Deep-Purple-Crew einen “Büroraum” zugeteilt. Vier weiße Steckwände, keine Decke, aber dafür eine Tür. Direkt neben dem Büro des Tourmanagers und vis-a-vis vom Catering. Auch wenn uns die Uhrzeit überhaupt nicht behagte - so konnte der Tag doch losgehen. Pünktlich um acht Uhr hatte unser Kameramann Lukas Karl dann auch seine Black-Magic-Kamera auf das Gimbal montiert, dann öffneten sich die Tore. Drei 40-Tonner, beladen mit allem, was eine Rockstar-Bühne so benötigt, fuhren ein. Und Lukas begann zu filmen. Rund vier Stunden dauerte die Prozedur, dann war die Halle soweit fertig und unser erstes Speichermedium voll. Lichtinstallation, Boxentürme, LED-Wände, Wellenbrecher, Mischpult, Bierstände und Tribünen für die Verfolger standen urplötzlich in der zuvor noch leeren Halle.


Die Dreharbeiten in vollem Gange: von l. nach r.: Pirmin Styrnol, Maik Styrnol und Lukas Karl während im Hintergrund in atemberaubender Geschwindigkeit eine Bühne entsteht.

Wir sprangen dazwischen herum um die schönsten Aufnahmen zu machen. “Am ersten Tour-Tag geht immer irgendwas schief”, erklärte uns Production-Manager Lothar Strunk im Interview. “Deshalb fangen wir da lieber schon eine Stunde früher an.” An diesem Tag allerdings schien auch bei Lothar alles glatt zu laufen. 

Die leere Halle - nur vier Stunden vor dem Soundcheck.

Was Deep Purple mit Scaramouche verbindet


Lothar ist ein Bär von einem Mann, eine Autorität alleine schon durch sein Auftreten. Als er 1997 Scaramouche bei einem Konzert erlebte, verschaffte er sich sofort Zugang zum Backstage-Bereich. “Ihr seid klasse”, erklärte er ihnen und brachte direkt eine Flasche Champagner mit. In den folgenden Jahren unterstützte er die Lahrer Band wo er nur konnte, mit Studioequipment, Tipps und Kontakten. Bereits damals war Lothar Strunk überall in der Musikbranche zu finden; als Tourmanager von Deep Purple und den Scorpions sowieso, aber auch bei der a-ha-Welttournee und als Livemischer der Westernhagen-Stadiontour.


Versteckte Kamera: Protagonist Lothar Strunk - und das Filmteam zwischen dem ausgeladenen Equipment

Alle seine Engagements aufzuzählen wäre beinahe unmöglich, denn es sind einige Jahrzehnte, in den Lothar bereits mitmischt. Ende offen. In jedem Fall ist Lothar ein Kenner der Branche.


Als wir einige Stunden später den Deep-Purple-Bassisten Roger Glover über ihn ausfragten, lachte der nur: “Lothar arbeitet seit so vielen Jahren mit uns. Alleine daran siehst Du, was wir von ihm halten! Und er würde nichts unterstützen, das keine Qualität hat.” Ein Lob durch die Hintertür an unsere Protagonisten von Scaramouche. Von einem Musiker und Produzenten, der sich für Songs wie “Smoke on the Water” verantwortlich zeichnet. Nicht schlecht...



Do it yourself - Wir basteln uns ein Filmstudio


Nach rund sechs Stunden gab’s dann endlich die erste richtige Pause - Mittagessen. Und dann: Do it yourself in Reinkultur. Für unser Interview mit Roger Glover hatten wir eigentlich mit einem dafür vorgesehenen Raum gerechnet. Dumm nur, dass es in der Messehalle keinen gab. So musste notgedrungen unser Steckwand-Büro zum Fernsehstudio umfunktioniert werden. Bastelarbeit. Nicht ganz einfach, da die Hallendecke aus unglaublich hellen, baustrahlerartigen Lampen bestand und das Büroabteil ja keine Decke hatte - was das Ausleuchten des Protagonisten fast unmöglich machte.

Deshalb versuchten wir zuerst, über unseren Stellwänden eine Deckenkonstruktion aus Pappkartons zu errichten. Das klappte nicht. Nächster Versuch: Ein riesiger roter Teppich, der irgendwo in der Hallenecke aufgerollt lag.

Ein kläglich missglückter Versuch den Raum abzudunkeln...

Der allerdings entpuppte sich als viel zu schwer, sodass wir uns Sorgen machten, damit die gesamte Bürokonstruktion des Deep-Purple-Teams zum Einsturz zu bringen.


Am Ende behalfen wir uns mit einem Reflektor, den wir direkt über dem Kopf des Interviewpartners anbrachten. Damit verdeckten wir zumindest einen Deckenstrahler - und schafften somit einen leichten Schatten im Gesicht unseres Protagonisten.


Jetzt konnten wir den Interview-Sessel selbst ausleuchten. Da während des gesamten Aufbaus unsere Tür offen stand, blickten immer wieder neugierige Gesichter in unser Papp-Studio: “Was macht ihr denn da?”, oder “Darf ich mich mal auf den Sessel setzen? Für Instagram?” Natürlich durfte man. 



Roger Glover

Gegen halb sieben grinste dann Lothar durch die Tür unseres behelfsmäßigen Studios. Im Schlepptau: Roger Glover. Der Deep-Purple- und früherer Rainbow-Bassist sowie Produzent von Gruppen wie Nazareth, Judas Priest und Status Quo. Gut gelaunt, freundlich, interessiert an unserem Projekt. Ganz ehrlich? Es überraschte uns schon ein bisschen, dass der Rock’n’Roll-Hall-of-Famer sich über eine halbe Stunde Zeit für uns nahm und sich ehrlich interessiert an unserem Film und der Musik von Scaramouche zeigte - nur zwei Stunden vor dem Konzert. Das Interview lief dann fast wie von selbst. Einem Profi wie Roger Glover musste man lediglich ein paar “Brocken” hinwerfen, dann sprudelten druckreife Antworten wie von selbst aus ihm heraus. Wieso er Musik macht? Warum er auch einen Tag nach seinem 74. Geburtstag noch immer gerne auf der Bühne steht?


Was man als junge Band für den Durchbruch braucht? Was bei Scaramouche vielleicht gefehlt hat? Jede Antwort auf den Punkt. “Ich habe mich nicht extra vorbereitet”, lachte er vor dem Interview auf englisch. “Aber das ist vielleicht ganz gut, dann sind die Antworten echter.” Deep Purple stand eben schon immer für Improvisation. Anscheinend nicht nur auf der Bühne. 


Der Bassist von Deep Purple: Roger Glover im Interview

Deep Purple in Klagenfurt - und “Heart and Soul” ist live dabei


Und dann begann die eigentliche Show. Logisch, dass wir es uns nicht nehmen ließen, auch hier einige Szenen zu drehen. Der Livemischer von Deep Purple schnitt netterweise den Ton für uns mit, unsere Kameras bewegten sich zwischen Publikum und Bühnenrand und Angelika Kovalenko fotografierte für unser Making-of.


Lukas Karl, Angelika Kovalenko und Maik Styrnol beim Aufbau der Hauptkamera für das Konzert

Und die Band? Die legte eine Show hin, die man nur schwer beschreiben kann. Ian Gillan am Mikrofon, Steve Morse an der Gitarre, Don Airey an den Keyboards, Roger Glover am Bass und Ian Paice am Schlagzeug zeigten in Klagenfurt, warum Deep Purple in ihrer Karriere bereits rund 150 Millionen Platten verkauften. Als gegen Ende mit “Smoke on the Water” und “Hush” zwei der großen Deep-Purple-Gassenhauer durch die Halle dröhnten, konnte die Band dann auch mal kurz verschnaufen. Die über 4.000 Zuschauer kannten den Text ohnehin und sangen einfach selbst, während Gitarrist Steve Morse lachend am Bühnenrand stand. Auch nach Jahrzehnten voller Shows und Auftritten, die Band freute sich noch immer sichtlich über ihr Publikum. “You have been amazing, marvellous, superb”, verabschiedete sich Frontman Ian Gillan vom Publikum.



Und wir? Wir waren einfach nur platt - aber glücklich. Über drei Stunden nach dem Konzert saßen wir wieder in unserer Unterkunft - auf dem Tisch eine Flasche Rotwein und Ingwertee. Ingwertee für die Erkältungs-Patienten, Rotwein für den Rest. 21 Stunden Adrenalin waren vorüber. Ans Bett dachte trotzdem erstmal keiner. Wir sahen uns an und lachten. Immer noch völlig aufgedreht.